

Überraschende Beobachtung
Während Männchen friedfertiger werden, steigt bei Weibchen Aggressivität.
Auf Ngamba Island, der einzigen Schutzstation für verwaiste, beschlagnahmte Schimpansen in Uganda, hat Stationsleiter und Veterinärmediziner Dr. Joshua Rukundo einige spannende Beobachtungen gemacht: seine männlichen Schützlinge sind wesentlich umgänglicher und friedfertiger, seit die weiblichen Schimpansen der Station Hormonimplantate zur Verhütung tragen.
Bei den Weibchen wiederum ist es genau umgekehrt: sie neigen dazu muskulöser und sogar aggressiver zu werden. Die Erkenntnisse teilte er mit Diana Leizinger, der Geschäftsführerin des JGI Austria, beim Projektbesuch vor Ort.
Ziel: Aggressivität senken
Es ist ein idyllischer Ort mit Primärregenwald, an dem 53 Schimpansen in einer Schutzstation Zuflucht gefunden haben: Ngamba Island im Viktoriasee. Die Opfer von Wilderei und illegalem Handel können nicht mehr in ihren natürlichen Lebensraum zurück und werden in der Schutzstation rund um die Uhr von einem 30-köpfigen Team aus Pfleger:innen, Ärzt:innen und Wissenschaftler:innen versorgt. Keine leichte Aufgabe, denn wie in jeder Schimpansengruppe kommt es auch auf Ngamba Island immer wieder zu sozialen Spannungen.
Das alles leistet Tchimpounga
Das Platzangebot ist begrenzt und das Team um Stationsleiter Dr. Joshua Rukundo setzt daher neben verschiedenen Beschäftigungs- und Deeskalationsmaßnahmen auf Verhütung. Die weiblichen Schimpansen erhalten nach dem dritten regelmäßigen Zyklus, üblicherweise im Alter von 6 – 9 Jahren, Verhütungsmittel in Form von Hormonimplantaten. Dies dient der Geburtenkontrolle, hilft aber auch die Aggression der männlichen Schimpansen zu regulieren.
„Wenn die Weibchen paarungsbereit sind oder ‚anschwellen‘, also empfänglicher für die Paarung sind, erhöht dies die Spannung in der Gruppe. Die Männchen suchen aggressiv nach einer Gelegenheit zur Paarung mit diesen Weibchen, was zu vielen Kämpfen, sowohl unter den Männchen als auch mit den Weibchen führt, mitunter mit schweren Verletzungen“, so Dr. Rukundo. Dies ist ein natürliches Verhalten wildlebender Schimpansen, erklärt der Tierarzt. Durch die Hormonimplantate werden die Weibchen nicht paarungsbereit und es gibt weniger Spannung, weniger Kämpfe und somit weniger Verletzungen.



Es gab Fälle, in denen wir aus verschiedenen Gründen keinen Zugang zu Verhütungsmitteln hatten. Wenn die Weibchen dann im Zyklus waren, stieg die Aggressivität drastisch an“
– Dr. Joshua Rukundo, Tierarzt und Stationsleiter Ngamba Island
Mensch & Schimpanse – wie ähnlich wir uns sind
Ob es hier Parallelen zu uns Menschen, als nächsten Verwandten im Tierreich gibt? „Mehrere vergleichende Studien belegen, dass es Parallelen zwischen dem Sozialverhalten von Schimpansen und menschlichen Gesellschaften gibt. Unsere DNA ist mit 98,2% nahezu ident. Im Bezug auf die Verhütung kann ich jedoch nur sagen, dass unsere Beobachtungen mein Interesse wecken und meine Faszination für Schimpansen vertiefen“, so Rukundo.

Überraschende Erkenntnis: Weibliche Aggressivität steigt an
Die sinkende Aggressivität der männlichen Schimpansen ist wissenschaftlich belegt, die Hormontherapie auf Ngamba Island kein Einzelfall – auch in anderen Schutzstation setzt man zur Verhaltenssteuerung darauf. Unbeabsichtigt und nicht untersucht ist hingegen, dass sich auch das natürliche Verhalten der Weibchen bei längerem Einsatz von Kontrazeptiva verändern kann: „Weibchen mit Jungen neigen dazu, sich in Gruppen zusammenzuschließen und gemeinsam für ihren Nachwuchs zu sorgen. Dadurch sind sie in der Regel weniger aggressiv. Wenn jedoch keine Jungtiere vorhanden sind, die die Produktion von Hormonen wie Oxytocin, Prolaktin, dem regulatorischen Hormon Progesteron usw. auslösen, neigen die Weibchen dazu, muskulöser und sogar aggressiver zu werden“, berichtet er.
Das Wohlergehen der gesamten Gruppe zu sichern ist für das Stationsteam eine tägliche Gratwanderung: auch wenn auf der 40 Hektar großen Insel mit Regenwaldbewuchs die Schimpansen möglichst naturnah und artgerecht leben, greift das Team ein, wenn Männchen kämpfen und sich lebensbedrohlich verletzen. Ebenso wenn mehrere Individuen die Spannungen verstärken, oder wenn die Verhütung eindeutig das Wohlbefinden der Weibchen beeinträchtigt: „Die verwendete Verhütungsmethode ist nicht dauerhaft und leicht reversibel.“ Außerdem ist die Verhütungsmethode nicht 100% sicher: trotz Implantat haben Weibchen auf Ngamba Island in den letzten Jahren Nachwuchs zur Welt gebracht.


2 Hauptgründe für Verhütung: Populationskontrolle und Aggressionsbewältigung
„Natürlich freuen wir uns, wenn es den Jungmüttern und ihrem Nachwuchs gut geht, aber grundsätzlich lehnen wir die Zucht oder Reproduktion in Gefangenschaft ab. Die Schutzstation liegt auf einer Insel, es gibt keinen Raum für eine Erweiterung. Um das Risiko einer Überpopulation zu reduzieren, setzen wir daher auf Verhütung. Außerdem erhöht jeder neue Schimpanse die Pflegekosten, die sonst für die Rettung eines gewilderten Schimpansen verwendet werden können“, erklärt Rukundo.
Zudem würde eine Zucht mit geretteten Schimpansen den Handel mit diesen Tieren begünstigen und eine Auswilderung erschweren. Schimpansen leben in komplexen Sozialgemeinschaften, daher können Tiere aus Gefangenschaft nicht in Waldgebiete mit bestehenden Schimpansengruppen ausgewildert werden. Da Schimpansen bei artgerechter Haltung mehrere Jahrzehnte alt werden – der älteste Schimpanse in einer Schutzstation des Jane Goodall Institute ist der 81-jährige Joao im südafrikanischen Chimp Eden – ist ihre Versorgung eine sehr langfristige, kostenintensive Aufgabe.

Werden Sie Pat:in
Das Team von Ngamba Island zeigt eindrucksvoll: Rettung ist möglich – aber nur mit großem Einsatz und Unterstützung. Die Versorgung der Schimpansen ist aufwendig und teuer.
👉 Mit Ihrer Spende helfen Sie, die Tiere in Ngamba Island gut zu versorgen.

Fotos: Lennart Stolte, Tina Götz, Ngamba Island
