30 Jahre Tchimpounga

30 Jahre Tchimpounga
30. März 2022 Doris Schreyvogel

DIE GRÜNDUNG DER SCHUTZSTATION TCHIMPOUNGA VOR 30 JAHREN IST DER BEGINN EINER EINMALIGEN ERFOLGSGESCHICHTE IM TIERSCHUTZ. WIR FREUEN UNS SEHR ÜBER DIESES JUBILÄUM UND DANKEN ALLEN, DIE DEN SCHIMPANSEN IM KONGO EINE ZWEITE CHANCE AUF EIN GLÜCKLICHES, ARTGERECHTES LEBEN ERMÖGLICHEN!

Die verzweifelten Augen des kleinen Jay

Den Anfang nahm alles 1990 auf einem Markt im kriegsgebeutelten Zaire (heute Demokratische Republik Kongo) als Jane Goodall ein angekettetes Schimpansenbaby entdeckte, dessen Mutter von Jägern getötet wurde, um ihr Fleisch zu verkaufen. Bei seinem tragischen Anblick fasste Jane Goodall den Entschluss dem verwaisten Schimpansen zu helfen:

„Das Schimpansenbaby war etwa anderthalb Jahre alt und mit einem dünnen Seil an die Drahtmaschen eines Hühnerkäfigs angebunden. Der Käfig stand unter einem Baum, der etwas Schatten spendete. Doch es war brütend heiß, das Kleine war apathisch und dehydriert. Als ich mich zu ihm beugte, versuchte es, mit der Hand mein Gesicht zu berühren.“

Aktiv gegen illegalen Tierhandel

Schon damals war der Verkauf von Schimpansen illegal, dennoch wurden sie auf Märkten ganz offen angeboten. Jane wollte Little Jay (so wurde das Junge später genannt) nicht seinem Schicksal überlassen, doch sie konnte ihn auch nicht kaufen. Damit hätte sie den illegalen Tierhandel gefördert. Janes erster Schritt bestand darin, die Regierungen der Länder aufzufordern, die bestehenden Gesetze strenger anzuwenden und auf Märkten angebotene Tiere von Regierungsbeamten beschlagnahmen zu lassen. Wilderern und Händlern sollte so deutlich gemacht werden, dass illegaler Handel kein einträgliches Geschäft ist.

Natürlich brauch(t)en die konfiszierten Tiere eine neue Heimat, denn Schimpansenjunge können nicht einfach in den Regenwald zurückgebracht werden. Sie sterben, denn alles was sie zum Überleben in der Wildnis benötigen, lernen sie in den ersten sechs Lebensjahren von ihren Müttern. Doch diese Prägung, diese Nähe und Liebe wurde ihnen brutal genommen.

„Es waren viele, die mir abrieten, mich auf Schimpansenwaisen einzulassen,“ erinnert sich Jane Goodall 30 Jahre später, „aber für mich war klar: Ich kann mich nicht von der ausgestreckten Hand eines verängstigen Schimpansenkindes abwenden. Diese bittenden Augen, diese mitleiderregenden, unterernährten Köper … so kam es zur Gründung unserer Schutzstationen.“

Dringend gesucht: Ein Zufluchtsort für verwaiste Schimpansen

Unter Einschaltung des damaligen amerikanischen Botschafters Dan Phillips und seiner Frau Lucie sowie des Umweltministers konnte Little Jay schließlich gerettet werden. Gleichzeitig eskalierte die politische Situation in Kinshasa und Jane musste vor der Waffengewalt fliehen.

Gregoire 1944 im Brazzaville Zoo

Sie sorgte für die Evakuierung des Schimpansen in den Zoo in Brazzaville. Dort hatte sie bereits 1989 für Hilfe gesorgt als alle Tiere des Zoos, auch die Schimpansen, an Unterernährung, völliger Verwahrlosung und deren Krankheitsfolgen zu sterben drohten. Das JGI schickte einen Freiwilligen in den Zoo, um ein Ernährungsprogramm für die Tiere sowie ein Schulungsprogramm für das Personal zu organisieren. Obwohl sich aufgrund der schnellen Hilfe die Situation bis 1990 gebessert hatte, waren die Tiere in einem erbärmlichen Zustand. Enge Käfige, kaum Wasser und unregelmäßige Fütterungen. Einer der Schimpansenmänner, Gregoire, der in seinem kleinen Betongefängnis seit 1944 hauste, war nur noch ein haarloses, kaum als Schimpanse erkennbares Geschöpf.

Jane Goodall wusste, dass sie ein dauerhaftes, artgerechtes Zuhause für die wachsende Zahl verwaister Schimpansen finden musste, auch für die Schimpansen im Pointe Noire Zoo, die unter ähnlichen Bedingungen lebten. Die UN-Friedensbotschafterin suchte ein geeignetes Grundstück und organisierte die Finanzierung für eine Schutzstation in der Republik Kongo: Tchimpounga.

 

Die Entstehung von Tchimpounga

Das Gebiet der Schutzstation liegt 50 km nördlich der Stadt Point Noire, in der Region Kouilou. Mangroven, küstennahe Savanne und Galeriewälder prägen das Landschaftsbild in der artenreichen Region: über 10.000 Tierarten und 300 verschiedene Baumarten sind hier beheimatet. Genau der richtige Ort für traumatisierte Schimpansen.

Für die Finanzierung konnte der vor Ort tätige Ölkonzern Conoco gewonnen werden. Mary Lewis, damals Sekretärin bei Conoco, heute Vizepräsidentin des Jane Goodall Institute und rechte Hand von Jane Goodall, stellte den Kontakt her. Conoco Mitarbeiter Rod MacAlister erinnert sich an die Anfänge:

„Geplant war eine Station für 20 – 25 Tiere mit einem Käfigsystem, das es den Schimpansen ermöglichte sich kennenzulernen und gleichzeitig den Pfleger:innen die Flexibilität bot dieses Kennenlernen sicher durchzuführen. Die nötigen Baumaterialien kamen aus England sowie Südafrika und alles wurde in Rekordzeit errichtet. Wegen des großen Bedarfs wurde die Station laufend erweitert.“

Am 2. Dezember 1992 wurden die ersten Schimpansen, vor allem Babys und Jungtiere aus Brazzaville überstellt und konnten damit den kriegerischen Unruhen entkommen. Insgesamt 25 verwaiste Schimpansen aus Brazzaville und 9 weitere aus einem winzigen Gehege in Pointe Noire fanden in Tchimpounga eine neue Heimat. Die Belgierin Graziella Cotman, die seit 1978 im Kongo lebte, übernahm die Leitung der Station. Bereits 1981 hatten sich Jane und Graziella kennengelernt, da Graziella sich um ein verwaistes Schimpansenkind kümmerte. Sie war es auch, die sich für den behördlichen Schutz der Region einsetzte. 1999 wurde das Gebiet als Tchimpounga Nature Reserve offiziell deklariert.

Auch Gregoire fand in Tchimpounga ein neues Zuhause. Berühmtheit erlangte Gregoire, der nach Einzelhaft und Misshandlung alle Haare verloren hatte, als er mit Jane Goodall am Titelblatt des National Geographic erschien. Gemeinsam „erzählten“ sie die Geschichte von Schimpansen in Gefangenschaft und ihrer Hoffnung auf ein zweites Leben in einer Schutzstation. Gregoire lebte für viele Jahre in Tchimpounga und starb im Dezember 2008 im Alter von 66 Jahren. Er war damit der älteste bekannte Schimpanse in Afrika.

Männerfreundschaft: Gregoire und Jean Maboto

Sein Pfleger Jean Maboto wurde nach der Gründung der Schutzstation zum ersten, permanenten Pfleger ernannt und ist noch immer für das Wohl der Schimpansen im Einsatz. Ohne Jean Maboto wäre Tchimpounga heute nicht das, was es ist, sagt Dr. Rebeca Atencia, aktuelle Leiterin von Tchimpounga:

„Jean ist ein wirklicher Anführer für das Team, ein Beispiel und eine Inspiration für alle, die in Tchimpounga arbeiten. Dank ihm konnten die Lebensbedingungen für die Schimpansen fortlaufend verbessert, Gruppenintegrationen erfolgreich durchgeführt und die notorischen Ausbrecher im Zaum gehalten werden.“

Ein Herz für alle Schimpansen: Jean Mabotot mit einem weiteren Schützling namens Jorly.

Ein Herz für alle Schimpansen: Jean Maboto mit einem weiteren Schützling namens Jorly.

Noch viele Jahre lang blieb Jean der engste Vertraute und Freund von Gregoire, den er sogar mit einem Vater verglich. Auch mit anderen Schimpansen konnte Jean enge Bindungen aufbauen. Von ihm lernen bis heute Pfleger:innen den behutsamen Umgang auf Augenhöhe mit den Schimpansen. Jean hat auch eine scharfe Beobachtungsgabe und einen besonderen Sinn für das Befinden der Menschenaffen. Verhaltensänderungen und erste Symptome für Erkrankungen erkennt er zuerst. Heute ist der Kongolese der Dienstälteste. Bis vor kurzem unterstanden ihm als Pflegeleiter 53 Pfleger:innen sämtlicher Stationen. Nach seinem Schlaganfall 2021 ist er etwas kürzer getreten, ist aber noch immer an drei Tagen pro Woche im Einsatz und vermittelt seinen Kolleg:innen Mitgefühl für ihre Schützlinge und Hingabe an ihren Beruf.

Tchimpounga platzt aus allen Nähten

Zwischen 1992 und 2009 wurden 174 Schimpansen nach Tchimpounga gebracht, 145 davon sind noch am Leben. Vieles hat sich in dieser Zeit verändert. Trotz strengerer Strafen für Wilderer, dem massiven Lebensraumverlust durch Abholzung der Regenwälder und dem Bevölkerungswachstum, kommen immer noch neue Schützlinge an.

2007 begann das JGI mit umfangreichen Erweiterungs- und Renovierungsarbeiten, um dem unerwarteten Wachstumstempo Rechnung zu tragen und den Schimpansen – von denen viele inzwischen das Erwachsenenalter erreicht haben – bessere Unterbringungs- und Betreuungsmöglichkeiten zu bieten. Die Renovierung umfasste folgende Maßnahmen:

  • Zwei neue Schlafsäle und Gehege, die den Schimpansen mehr Wohn- und Schlafmöglichkeiten bieten.
  • Ein neues, sicheres Tierarztlabor mit schimpansensicheren Fenstern und Türen. sowie einer Hilfstür, durch die die Schimpansen sicher zur Behandlung gebracht werden können.
  • Ein neuer Bereich für die Lagerung und Zubereitung von Futter, der an den Hauptschlafsaal angrenzt, und so lange Transportwege vermeidet.
  • Ein dringend benötigtes Wassersystem, damit alle Schimpansen in ihren Schlafsälen und Gehegen ständig Zugang zu Trinkwasser haben.
  • Unterkünfte für wissenschaftliche Mitarbeiter:innen und Büroräume, um den Bedürfnissen von Gastforscher:innen und dem JGI-Team gerecht zu werden.

Die schwierige Aufgabe der Auswilderung

Nach drei Jahren Planung und harter Arbeit gelang es dem Jane Goodall Institute im Jahr 2011, das für die Erweiterung der Schutzstation erforderliche Grundstück zu erwerben. Durch den Bau zusätzlicher Einrichtungen auf drei Inseln im nahe gelegenen Kouilou-Fluss konnte das Team den Schimpansen ein viel größeres, natürliches Umfeld bieten, in dem sie in einer sicheren Umgebung ohne konkurrierende wilde Artgenossen artgerecht leben und lernen, wachsen und soziale Bindungen aufbauen. Durch ihre komplexen Sozialstrukturen, können Schimpansen, die lange in Gefangenschaft lebten oder in einer Schutzstation betreut wurden, nicht einfach in den Regenwald ausgesetzt werden.

Die Inseln sind eine sichere Möglichkeit, diese sozialisierten Gruppen in einem geschützten Bereich aufzubauen und die Tiere an ein Leben in freier Wildbahn zu gewöhnen. Bereits über 100 Schimpansen leben heute auf den Inseln, die diese Funktionen erfüllen:

  • Fast 100-mal mehr Waldfläche für die Menschenaffen, so dass sie sich praktisch wild und frei bewegen können.
  • Eine kontrollierte Umgebung, in der die Schimpansen Zugang zu mehr natürlichem Lebensraum haben, aber genau überwacht werden können, zusätzliche Nahrung erhalten und bei Bedarf tierärztlich versorgt werden können.
  • Verringerung der Infrastrukturkosten und des Wartungsaufwands, da die Inseln eine natürliche Grenze für die Schimpansen bilden, wodurch der Bedarf an Zäunen und Personal für den Betrieb und die Wartung der Anlage minimiert wird.
  • Verbesserte und sicherere Beobachtungsmöglichkeiten für Ortsansässige und Besucher:innen, sobald zukünftige Bildungs- und Ökotourismus-Elemente entwickelt sind.

Für Menschen, Mandrills und Pagageien

Derzeit leben 158 Schimpansen in Tchimpounga, doch es ist viel mehr als eine Schutzstation für Menschenaffen. Schon früh erkannte Jane Goodall, dass Tierschutz nur erfolgreich ist, wenn die Bedürfnisse der Menschen der Region wahr- und ernst genommen werden. Wie bei allen JGI-Projekten, bezieht auch die Schutzstation dies in ihre Arbeit ein. Der Wirkungsgrad beinhaltet:

  • Jährliche Hilfsprojekte für die umliegenden Communities: 2021 für 345 Menschen in 13 Dörfern der Region.
  • Aufklärungsarbeit in den Schulen, um auf die Bedeutung von Wildtieren, die Gefahren von Wildtierhandel und Chancen durch den Schutz aufmerksam zu machen.
  • Öffentliche Kampagnen mit Plakaten, um die Menschen über die Bedeutung der wichtigsten Wildtiere aufzuklären.
  • Einkauf des Futters bei lokalen Bäuer:innen und Märkten in der Region: jedes Jahr werden rund 300.000 kg Futter gekauft und damit vor allem Frauen in der Region unterstützt.
  • Forschungsprojekte zum besseren Verständnis von Schimpansen in der Schutzstation und dem Schutz der Artgenossen in der Wildnis.
  • Aufbau eines Welfare-Index, der das Wohlbefinden jedes Schimpansen in der Station laufend dokumentiert.
  • Rund 2.000 Patrouillen mit Park Rangern, bei denen 2021 über 200 Fallen entfernt werden konnten, 92 Wilderercamps zerstört und über 40 lebende Tiere beschlagnahmt werden konnten.
  • Schulungen für Park Ranger zum Einsatz technischer Geräte, zur ersten Hilfe für Antilopen, Krokodile, Pangoline und Schildkröten.
  • Eigene Bereiche in der Schutzstation für beschlagnahmte Mandrills und Papageien, sowie Arbeit zur Wiederauswilderung.

Bildung für den Artenschutz – bereits in den Schulen

Die Jane Goodall Institute befürworten keine Handhabung oder Nähe zu Wildtieren. Diese Bilder entstanden in und rund um die Jane Goodall Institute Schutzgebiete und zeigen ausschließlich ausgebildete Fachkräfte mit ihren Schützlingen.